Kommt eine neue Eiszeit?

Dokumentiert. Der folgende Text erschien in der Juli-Ausgabe der DDR-Zeitschrift „Das Magazin“ 1971, d.h. vor ziemlich genau 50 Jahren, und er stammt aus der Feder des Autors Hans Kleffe. Angesichts der schrillen Töne in der gegenwärtigen Debatte zu diesem Thema berühren Gediegenheit und Unaufgeregheit. Auf Sendungswillen, Unbedingtheit und Einseitigkeit wird verzichtet. Die Zwischenüberschriften sind zum Teil von mir eingesetzt worden. (M. K.)

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Als auch ich in das kapitol eindrang

Und das mit Gottes Segen/Erlebnisbericht von1992

Von Matthias Krauß

Jesus steht an der Treppe und unterhält sich mit einer Gruppe schnatternder Japaner. Die Touristen aus Fernost (aus der Perspektive der USA wohl eher Fernwest) feixen herum, umschwärmen und betasten ihn. Jesus, bzw. der junge Mann in einem Jesus-Kostüm, ist um Fassung bemüht und spielt würdevoll seine Rolle hier am Fuß der Treppe zum Washingtoner Kapitol. Er segnet alle auf die Erlaubnis zum Eintritt wartenden Eindringlinge, mich eingeschlossen.

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Failed Continent

Europas Probleme wurzeln in einem Gründungsdefekt und sind unlösbar

Von Matthias Krauß

Wer nach der Flüchtlingskrise vor einigen Jahren noch eines Beweises bedurfte, den müssen die verzweifelten und egoistischen Reaktionen der europäischen Staaten auf die gegenwärtige Corona-Krise endgültig belehrt haben: Von allen politischen Grundkonzeptionen der großen Mächte oder Machtzentren auf der Welt ist das europäische Modell das mit Abstand schwächste, unflexibelste und am wenigsten belastbare. Im Konzert der Giganten ist der altehrwürdige Kleinkontinent ökonomisch und als Absatzmarkt immerhin noch bedeutend. Politisch, gar machtpolitisch gleichwohl ein Zwerg, den von der Witzfigur nicht viel trennt. Und wenn, wie vor einigen Jahren geschehen, eine US-amerikanische Staatssekretärin mit ihrem genervten „Fuck the EU“ weltweit berüchtigt wurde, so mit einer rüden, wenig schmeichelhaften Formulierung, doch brachte sie so das Entscheidende auf den Punkt. Um dieses „Europa“ muss sich niemand scheren, weil niemand es fürchten müsste. Für die Bandagen, mit denen die Auseinandersetzungen weltweit geführt worden sind und in Zukunft geführt werden, ist dieses „Europa“ nicht gerüstet. Der Abschied und Austritt von Großbritannien hat es jedem, der Augen hat, vor dieselben geführt. Danach ist keine Klarheit zu erwarten, sondern eine neue und vertiefte Form des Durcheinanders.

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„Der verächtlichste aller Päpste“

Rolf Hochhuth im DDR-Literaturunterricht/Von Matthias Krauß

Es gab wenige westdeutsche Politiker, die in der DDR ein so hohes Ansehen genossen wie Richard von Weizsäcker. Das schloss die Partei- und Staatsführung mit ein. Ihr war bewusst, was sie einem Mann verdankte, der den Mut aufbrachte, gegen den Hass aus den eigenen Reihen im Bundestag vom 8. Mai als „Tag der Befreiung“ zu sprechen. Eine solche Deutung war 1985 keineswegs geistiges Gemeingut in der westdeutschen CDU und nach diesem – an sich längst überfälligen – Akt war das Prestige Richard von Weizsäckers in der DDR kaum steigerbar. Vor allem, als von Weizsäcker zum Bundespräsidenten gewählt wurde, war daher auch von ostdeutscher Seite Fingerspitzengefühl in einem heiklen Punkt nötig. Denn es gab eine Achillesferse des CDU-Politikers, und die betraf seinen Vater. Ernst Freiherr von Weizsäcker war als hoher Nazidiplomat, Staatssekretär im Auswärtigen Amt und späterer Botschafter Hitlers beim Vatikan laut Brockhaus „in die Kriegsvorbereitungen und Judenverfolgungen verwickelt“. Richard von Weizsäcker, der seinen Vater in Nürnberg vor Gericht verteidigte (Wilhelmstraßenprozess 1949) hat dieses Urteil niemals akzeptiert. Der Angeklagte wurde damals zu sieben Jahren Haft verurteilt, aber – wie so viele von Hitlers willigen Vollstreckern in hohen Positionen – kurze Zeit später begnadigt.

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Von Caligari zu Corona

Oder: Wer vom Teufel spricht, erhält Besuch von ihm

Von Matthias Krauß

Gibt es die sich selbst verwirklichende Prophezeiung? Muss die Katastrophe nur intensiv genug beschwatzt und beschworen werden, um sie herbeizurufen? Unsere – angeblich – rationale Welt verweist das eher ins Reich der Legende, sie traut Zahlen und Fakten. Dem Aberglauben, dem Mystischen traut sie nicht. „Wir alle, oder doch die meisten von uns, sind Mündel jener Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, die allem die Existenz absprach, was sich nicht messen oder erklären ließ. … Und so wurde ein großer Teil der Welt Kindern und Unmündigen, Schwachsinnigen, Narren und Mystikern überlassen“, schrieb John Steinbeck in seinem Roman „Geld bringt Geld“. Der lässt sich als eine literarische Ergänzung zum „Kapital“ von Karl Marx lesen.

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Das Dresdner Tabu

Einzig der DDR ist es zu danken, dass die Sixtinische Madonna heute an der Elbe bezaubern kann

Von Matthias Krauß

Im Jahr 1967 zog eine neue Lockerheit und Vielfalt in die Briefmarkenproduktion der DDR ein. Kinderzeichnungen, Altenburger Spielkarten konnten jetzt Motive sein, auch der 450. Jahrestag des Lutherschen Thesenanschlags war drei Marken wert. Mit „König Drosselbart“ wurde das im Jahr zuvor begonnene beliebte Block-Angebot der Märchenmotive fortgesetzt. Die bis dato vorherrschende ernste, politische Motivwahl für die Marken wurde nicht unmittelbar abgelöst, aber doch ergänzt. Am 7. Juni erschien ein ungewöhnlicher Satz, einer, der auf den Boden der geschichtlichen Tatsachen zurückholte:  Die Serie „Vermisste Gemälde niederländischer und deutscher Maler“. Er riss aus einer auch für die DDR-Gesellschaft eingezogenen Selbstgefälligkeit und machte auf Verluste aufmerksam.

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So fern und in manchem so nah

Die DDR unter dem Blickwinkel von Greta Thunberg

Von Matthias Krauß

Ganz im Ernst: Die DDR wusste naturgemäß nichts von Greta Thunberg, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiß Greta so gut wie nichts über die DDR. Allenfalls, was die deutsche Aufarbeitungsproduktion an dieser Stelle nach Schweden exportiert hat, wobei Selbstgefälligkeit und Gedankenarmut wohl nach stärker garantiert sein dürften als man sich daheim leisten kann.

Doch lässt sich diese Armut des heutigen offiziellen Rückblicks auf diesen Staat gerade auf Gretas Feldern besonders sinnfällig machen, denn hierbei liegen sie in bemerkenswerter Häufung vor, die Gegenbeispiele, die sich eben in einem ganz anderen als dem Aufarbeiter-Sinne dem „typisch DDR“ zuordnen lassen.

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Mit dem 30er Jubiläum nichts gemein

Sehenswerte Landtags-Ausstellung zum Motto „Arbeit, Arbeit, Arbeit“

Von Matthias Krauß

Die DDR war eine Arbeitsgesellschaft. Die dadurch bewirkte Prägung ihrer Bürgerinnen und Bürger wirkte über 1990 hinaus nach und „existiert als Grundrauschen bis heute“. Das erklärte Florentine Nadolni, Leiterin sowohl des Kunstarchivs Beeskow als auch des Dokumentationszentrums „Alltagskultur der DDR“ in Eisenhüttenstadt, als sie durch die neue Ausstellung auf den Fluren des Potsdamer Landtags führte. Unter dem Motto „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ werden ein Jahr lang 264 Einzelexponate aus den genannten Einrichtungen ausgestellt. Und wenn in der Erklärung dazu, davon die Rede ist, dass diese Exposition im 30. Jahr der deutschen Einheit zu sehen ist, so kann man sicher sein, dass sie nichts, aber auch gar nichts mit diesem Jubiläum zu tun hat.

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Verfolgt bis über den Tod hinaus

Zur Beerdigung des Ministerpräsidenten a.D. Manfred Stolpe

Von Matthias Krauß

„Er hat die tödliche Dosis überlebt“, hieß es in westlichen Redaktionsstuben, als 1994 die Brandenburger bei der Landtagswahl ihrem Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und seiner SPD mit 54 Prozent Zustimmung den größten aller
jemals erzielten Triumphe verschafften. So endete damals die jahrelange Belagerung eines Mannes, der als Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche, später als Ministerpräsident des Landes Brandenburg und noch später als Bundesverkehrsminister tätig war. Die endlosen Stasi-Vorwürfe hat Stolpe überstanden, den Weg allen Lebens ging er dennoch: Am 29. Dezember starb der umstrittene Politiker. Vergangenen Sonnabend, am 25.Januar, wurde er auf dem Bornstädter Friedhof Potsdams beigesetzt. Einige Tage zuvor fand aus diesem Anlass der ehrende Gottesdienst in der bis auf den letzten Platz besetzten Nikolaikirche von Potsdam statt. Gekommen waren hunderte Verwandte, Weggefährten, einstige und gegenwärtige politische und kirchlichen Prominenz.

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„Vielleicht lachen Sie jetzt über mich“

Udo an Erich: „Sonderzug“ war Dokument meiner Irritation

Rocklegende Udo Lindenberg und DDR-Staatschef Erich Honecker machten sich bekanntlich gegenseitig und in aller Öffentlichkeit Geschenke – und das, obwohl ihr Verhältnis nicht immer ein ungetrübtes war. Aber unter Freunden kann man sich auch mal verzeihen, wie der Brief beweist, den Udo im August 1983 an Erich sandte. Dass der Rocker in diesem Brief zu seinem Lied „Sonderzug“ vorsichtig auf Distanz geht, Erichs Friedensliebe lobt und eine Zensur seines eigenen Programms anbietet, geht ziemlich weit – nichtsdestotrotz so waren sie halt, die Zeiten. Entnommen ist der Brief dem Band „Udo rockt für den Weltfrieden“, den die Stasi-Unterlagenbehörde herausgegeben hat (S.26 ff).

(Matthias Krauß)

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