Die Phase im Rausch

Die DEFA wurde 75/ Abgetötet in den letzten 30 Jahren

Von Matthias Krauß

Wir sagten Drehort und sie sagen Set.

Wir sagten bitte, wenn es anfangen sollte.

Sie sagen action.“

Eberhard Esche

Das Potsdamer Filmmusem lud Anfang 2016 in seinen Kinosaal, wo es den DEFA-Regisseur Rainer Simon zu seinem 75. Geburtstag mit der Ausstrahlung seines Spielfilms „Till Eulenspiegel“ (1974) ehren wollte. Als die Vorführung begann, traute das Publikum seinen Augen nicht. Denn es wurde nicht der DEFA-Film des Jubilars Simon gezeigt, sondern der Film „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ aus den 50er Jahren mit Gèrard Philipe in der Hauptrolle. Das war zwar eine Gemeinschaftsproduktion von Frankreich und der DDR, hatte aber mit Rainer Simon nichts zu tun. Offenbar war das Potsdamer Kino an eine Kopie des Films geraten, die seinerzeit in Westdeutschland in Umlauf war. Der Unterschied beider Figuren war den Zuständigen damals wohl nicht bekannt oder nicht so wichtig. Beim „Ulenspiegel“ ging es um die Auseinandersetzung einer volkstümlichen holländischen Gestalt mit der Besatzungsmacht Spanien. Aus dem flämischen Volkshelden Ulenspiegel wurde bei dieser Gelegenheit für den westdeutschen Zuschauer kurzerhand der deutsche Till Eulenspiegel. Das Potsdamer Filmmuseum ist auf diese Weise eine Art Spätopfer der Oberflächlichkeit und Arroganz gegenüber der DDR-Filmproduktion geworden.

Foto: Krauß. „Paul und Paula“ im Potsdamer Filmmuseum

Nach 1990 setzte in Ostdeutschland ein ungeahntes Kinosterben ein, begleitet von einem Theatersterben und einem Kulturhaussterben. In der DDR war niemand aus finanziellen Gründen von Hochkultur ausgeschlossen. Das ist heute nicht vorstellbar. Theater, Oper, Konzert sind somit in diesen Zeiten einem viel breiteren Publikum zugänglich gewesen als dies heute der Fall ist.

Der Ostfilm verschwand

1965 hatte das SED-Politbüro ein knappes Dutzend DEFA-Filme verboten. Nach 1990 wurden – bis auf winzige Reste – 700 DEFA-Filme verboten und noch einmal rund 700 Filme des DDR-Fernsehens. Als ich einen SPD-Fraktionsmitarbeiter im Potsdamer Landtag darauf aufmerksam machte, korrigierte er mich freundlich-nachsichtig: „Diese Filme wurden nicht verboten. Sie werden nur nicht gezeigt.“ Der Ostfilm verschwand bis auf minimale Reste aus dem Kino und vom Fernsehschirm. Lediglich die DDR-Krimis der Serie „Polizeiruf 110“ dürfen sich in das Grundschema des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks einordnen, die Wirklichkeit vor allem unter dem Aspekt von Mord und Totschlag vorzuführen. Das Aus für die DEFA (Spiegel: „Honeckers Hollywood“) kam 1991. Eine Weile noch musste man auf die sozialistischen Produktionen zurückgreifen, wenn man im Fernsehen Märchen zeigen wollte, diesbezügliche West-Angebote gab es entweder nicht, oder sie waren billig zusammengeschustert. Um die Jahrtausendwende wurde dann auch für die „gängigen“ DDR-Märchenfilme Ersatz geschaffen, man sollte gerechterweise hinzufügen, keine schlechten. Ansonsten ist die Ausblendung der DDR-Film- und Theaterkunst praktisch vollständig, und wenn inzwischen nahezu alle Regionalsender als Weihnachtsmärchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ offerieren, dann ist das die eine Ausnahme von der Regel. Jaecki Schwarz: „Wenn ich jetzt an 100 Jahre Kino denke und der Osten kommt gar nicht vor, dann kriege ich das Kotzen“. Christel Bodenstein: „Wenn ich sehe, wie das behandelt wird – das ist eine solche Unverschämtheit. Als hätten wir in all den Jahren nichts zustande gebracht, als wären wir eine Art Pest.“ Der Gipfel war erreicht, als der Regisseur Volker Schlöndorff die DEFA-Filme öffentlich in Bausch und Bogen abwertete und lächerlich machte. (Später hat er dafür um Verzeihung gebeten.)

Sie zogen aus, „das Fürchten zu lernen“

Für die Schauspieler änderten sich durch die „Wende“ vieles. Die in diesem Kapitel aufgeführten Zitate sind dem Band „Der ungeteilte Himmel“ entnommen, herausgegeben von Ingrid Poss, Peter Warnecke, Dr. Bärbel Dalichow. Was die Unterschiede in der schauspielerischen Tätigkeit vor und nach der „Wende“ angeht, äußern sich die einzigen Personen dazu, die davon wirklich etwas verstehen und das sind die Schauspieler, die sowohl in der DDR als auch später ihrem Beruf nachgingen. Der Band hebt sich wohltuend ab von den Produkten der „Aufarbeitung“ und lässt Aspekte gelten, die nicht in das heutige gängige Bild von der finsteren DDR-Vergangenheit und der wunderbaren Gegenwart passen und schon gar nicht lässt sich diese differenzierte Darstellung auf die Hymne „Einst war es schlecht – heut‘ ist es gut“ vertonen. Das freilich muss den Stab über diese interessante Arbeit brechen. Das Negativ-Bild von der DDR ist arretiert, unverrückbar, und gut bezahlte Rechtgläubige sorgen gemeinsam mit ihren Verbündeten in den Medien dafür, dass in dieser aufgeräumten Schublade nichts durcheinandergerät. In Vorahnung der Vergeblichkeit, hier etwas umstoßen zu können, schreibt die DDR-Kulturwissenschaftlerin Bärbel Dallichow in dem Band: „Kein Buch, und indessen sind viele erschienen, die eine Korrektur versuchen, wird daran etwas ändern“. Und doch bleibt die Wahrheit: Die DDR-Schauspieler sind nicht 1989 von der Hölle in den Himmel gekommen. Was ihren Weg nach der Wende betraf zogen sie laut Dallichow „aus, das Fürchten zu lernen“.

Insofern wirklich goldene Zeiten“

Alfred Müller nennt die Arbeitsbedingungen für die Produktion von DEFA-Filmen in der DDR ideal. „Die Leute hatten viel mehr Zeit zum ausprobieren. Insofern waren das wirklich goldene Zeiten.“ Müller bekennt offen, mit der Wende „so gut wie keine Hoffnung“ verbunden zu haben. Auch Horst Drinda bedient die gängigen Klischees nicht: „Ich fand die Mehrzahl der Anliegen, die die DDR anstrebte und vertrat, lebenswert und hielt diese Ziele für sehr gut“. „Die Kulturpolitik und die Möglichkeiten für die Kultur in der DDR waren unvergleichlich günstiger als heute.“ Mit Blick auf die gegenwärtige Situation sagt Drinda: „Der allgemeine Verfall ist schrecklich“. Vom aktuellen Theaterleben heißt es bei ihm: „Ich mag nicht, was da am Ku’damm alles über die Bühne rattert.“ Der Weltschauspieler Rolf Hoppe, im Herbst 2018 gestorben, mag sich der allgemeinen Verteuflung ebenfalls nicht anschließen: „Die Ostzone, die DDR haben mich zum Schauspieler gemacht, das ist einfach so.“ Seiner angestammten Arbeitsstelle weint er mehr als eine Träne nach: „Ich finde den Untergang der DEFA sehr traurig.“ Den Thesen von der bornierten Infiltration der DDR-Jugend schließt er sich nicht an: „Die Kindertheater besaßen ein hohes Niveau“. Waren die DDR-Träume Illusion, waren sie Schäume? Hoppe: „Bitteschön, Traumland. Aber es waren auch gute Träume darunter.“

Esche: „Auf der besseren Seite Deutschlands“

Der bekannte Schauspieler Eberhard Esche genoß den Vorzug, mit seiner Rolle im „Spur der Steine“ noch ein Nachwendeleben im TV zu haben. Denn das ist einer von den ganz wenigen Streifen, die immer mal ausgestrahlt werden. Mit der allgemeinen Lage versöhnte das den 2006 verstorbenen Künstler aber nicht: „Dass ich auf der besseren Seite Deutschlands geblieben bin, das bin ich meinem Beruf schuldig.“ Weiter: „Ich glaube, alle Schulen in der DDR waren gute Schulen. Wobei die DDR überhaupt die beste Schule war.“ Sein Dresdner Publikum nennt er herrlich. „Sie erwidern die Treue, es gab ja Gründe, weshalb ich in der DDR blieb. Da existiert etwas unausgesprochenes.“ Von der Vorgängen, die sie 1989 einsetzten, spricht er als einem „Verhängnis“. Die große Berliner Demonstration auf dem Alexanderplatz hätte es aus seiner Sicht ohne Genehmigung des MfS gar nicht geben können. „Das war sicher eine verkommene Angelegenheit.“ Für seine sich dort exponierenden Kollegen bringt Esche eher Mitleid auf. „Dass die Kollegen in ihrer schuldigen Unschuld auf dem Alex demonstrierten, um ihre Theater und damit sich selbst abzuschaffen, das konnten sie nicht wissen.“

Heute so viel Angst und Abschottung

Esches Äußerungen beweisen, dass nicht selten das Gegenteil von dem wahr ist, was die deutsche Aufarbeitungsindustrie ihre Klienten glauben machen will: „Es gab in der DDR freie Unterhaltung unter den Kollegen, das ist absolut weg. Es herrscht so viel Angst, Vorsicht, Abschottung. Aber wir haben es auch mit Menschen zu tun, die diese Vorsicht für die Garantie von Freiheit halten. Das heißt, sie halten das für ein freies Benehmen. Die wissen nicht, wovon wir reden. Ich habe große Nachsicht mit Westmenschen, weil sie einfach schlecht erzogen sind. Das ist ja reine Existenzangst, die sich da äußert.“ Über die Lage an den heutigen Theatern gab er sich keinen Illusionen hin: „Wir haben heute sehr schlechtes Theater, und das spiegelt ja diese Gesellschaft wieder.“ Und was die Filmkunst betrifft? „Zu DEFA-Zeiten und wahrscheinlich auch seinerzeit in Westdeutschland waren die Filme nicht immer so schrecklich, wie sie jetzt sind.“

Wo ist der „Ring des Deutschen Theaters“?

Esche besaß den „Ring des Deutschen Theaters“, der von Eduard von Winterstein über Herwart Grosse auf ihn gekommen war. „Eine leitende Mitarbeiterin des DT empfahl mir, ihn in die Spree zu werfen.“ Als einen wesentlichen Unterschied zur damaligen Arbeit nennt Dieter Mann: „Es gibt keine Planungssicherheit mehr“. Das durchgehaltene Bild vom tumben und brutalen DDR-Spitzenfunktionär zeichnet er nicht mit: „Kulturminister Hoffmann war ein kluger und sensibler Mann. Wir haben ihm sehr viel zu verdanken.“

Bei uns hatten wir mehr Möglichkeiten

Das aus seiner heutigen Sicht „ziemlich hohe Niveau“ des DDR-Provinztheaters lobt Peter Reusse. Er ist sich sicher: „Bei uns hatten wir mehr Möglichkeiten.“ Reusse weiß, wie albern die Vorstellung ist, vor der Wende sei man in Zwängen gefangen gewesen und hernach sei die Freiheit ausgebrochen. „West-Regisseure wunderten sich, dass sich ein Schauspieler so um seine Rolle kümmert. Aber bald wusste man dass man sich Diskussionen beim Drehen nicht mehr leisten darf.“ Reusse weiter: „Man wurde sehr, sehr schnell verschlossen. Man war nicht mehr so redefreudig wie in den Tagen zuvor.“ Auch er verurteilt die DDR nicht in Bausch und Bogen: „… aber es gab ein paar Punkte, die wichtig waren, und wo ich sagte, da waren wir besser. Wir haben keine Korruption, unsere bereichern sich doch nicht.“

Unter „unerschrockenen Idioten“

Die Kraft zum Sarkasmus findet noch Hermann Beyer, einer der großen stillen Stars der DEFA und Bruder des Regisseurs Frank Beyer. „Leicht und angenehm lebt es sich nicht unter diesen unerschrockenen Idioten“. Er ist der einzige, der so etwas wie Optimismus versprüht: „Ich habe die Hoffnung, dass sich das irgendwann umdreht, das geht gar nicht anders. Die Leute werden das alles nicht mehr sehen wollen, was ihnen im Kino und vor allem im Fernsehen angeboten wird. Vielleicht ist diese Hoffnung falsch…..“ Von ihrer Ausbildung als Schauspielerin in der DDR sagt Renate Blume: „Sie gaben einem Handwerk mit auf den Weg, aber auch – was jetzt so fehlt – Ethik und Moral. Und dass ein gelungener Theaterabend nur eine Gemeinschaftsleistung ist und nicht die eines einzelnen Stars. Das kenne ich von meinen Westkollegen gar nicht. Die gucken mich immer völlig entgeistert an, und ich frage sie, ob sie nie gelesen haben, was Stanislawski zu Ethik und Moral geschrieben hat. Aber sie haben allenfalls seinen Namen gehört, sonst nichts.“

Der Schauspielberuf „ist nichts mehr wert“

Die Oberflächlichkeit des heutigen Fernsehens und Kinos sind für Renate Blume „unübersehbar“. Ihr einstiger Klassenlehrer habe sie gefragt, ob sie wieder Schauspielerin werden würde. Ihre Antwort: „Nein, denn dieser Beruf ist nichts mehr wert. … weil er kein Ziel, keinen Anspruch und keinen Bildungsauftrag mehr hat.“